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BRUXISMUS - wenn der Kiefer auf Dauerspannung läuft.

vor 10 Stunden
4 Min. Lesezeit

Ein therapeutisches Update 2026.




Zähnepressen. Zähne knirschen. Dauerspannung im Kiefer. Kopfschmerzen. Verspannte Nackenmuskulatur...kommt Dir das bekannt vor?

Vielleicht kennst Du das Gefühl morgens aufzuwachen und sofort die Spannung im Kiefer, Gesicht oder Nacken zu spüren. Du kriegst den Mund kaum auf, Dein Unterkiefer fühlt sich richtig steif an?


Oder Du bemerkst, dass Du tagsüber immer wieder die Zähne aufeinanderpresst - besonders in stressigen oder herausfordernden Situationen? Manchmal ist es ein Knabbern an den Lippen oder Wangen? Manchmal sind es kleine, immer wieder auftretende Mikrobewegungen des Unterkiefers - beides kann auch ohne Zahnkontakt einhergehen.


Ist das "normal"?!?


Bruxismus gilt heute nicht mehr einfach als "schlechte Angewohnheit" oder ausschließlich als Zahn-/Kieferproblem, noch wird Stress als der einzige Auslöser angesehen. ABER: die Forschung beschreibt ihn vielmehr als multifaktorielles Geschehen und entfernt sich zunehmend von der früheren Vorstellung (welche ich selbst noch vor 20 Jahren gelernt habe), dass der Auslöser für Bruxismus in einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD) zu finden ist.


2018 veröffentlichte dazu die INFORM (International network for orofacial pain and related disorders methodology), welche mit internationalen Experten*innen stetig an einer einheitlichen wissenschaftlichen Beurteilung, Definition und gemeinsamen Behandlungsrichtlinien arbeitet, folgendes Update:


Bruxismus wird grundsätzlich nicht mehr als Erkrankung verstanden, sondern in einem größeren Kontext als eine (unbewusste) motorische Aktivierung der Kaumuskulatur - also ein Verhaltensmuster - welche je nach Ausprägung unterschiedliche gesundheitliche Auswirkungen haben kann, angesehen. Er kann ebenso ein Risikofaktor für andere Beschwerden sein - jedoch unter bestimmten Umständen möglicherweise sogar auch als ein Schutzfaktor (via Steigerung der Gehirnaktivität) angesehen werden oder auch ohne erkennbare klinische Folgen auftreten.

Generell werden 2 Formen von Bruxismus unterschieden:


Schlafbruxismus: Sleep bruxism is a masticatory muscle activity during sleep that is characterized as rhythmic or non rhythmic and is NOT a movement or sleeping disorder.

Wachbruxismus: Awake bruxism is masticatory muscle activity during wakefullness that is characterized by repetetive or sustained tooth contact or bracing and thrusting (= without tooth contact) of the mandible and is NOT a movement disorder.

WAS SAGEN DIE ZAHLEN ZU BRUXISMUS?


Die wissenschaftlichen Daten zeigen, dass Bruxismus bereits im Kindes- und Jugendalter vorkommt. Es ist also keineswegs ein "Problem" Erwachsener, gilt bis zum Ende der Volksschule jedoch als therapeutisch vernachlässigbar. Interessant dabei ist: viele Betroffene wissen nicht, ob oder dass sie in der Nacht knirschen oder pressen. Weltweite Untersuchungen schätzen, dass etwas 21% der Bevölkerung davon betroffen sind - also ungefähr jeder fünfte Mensch.

Auch tagsüber pressen viele Mensche unbewusst mit Ihren Zähnen oder spannen die Kaumuskulatur an. Hier sind es etwa 23 - 26% der Gesamtbevölkerung (tatsächlich sind bei beiden Varianten Frauen öfter als Männer betroffen), welche Bruxismus haben, also ca. jeder vierte Mensch - wobei die Zahlen je nach Untersuchungsmethode deutlich variieren und auch weitaus höher sein können.


Hier, zur Veranschaulichung, die wichtigsten Einflüsse, welche zu Bruxismus führen können oder ihn befeuern:


  • Psychosoziale Faktoren (Stress und psychische Belastung; Angst und emotionale, innere Anspannung; ungelöste Konflikte, fehlende Erhohlungsphasen...)

  • erhöhte Aktivierung des autonomen Nervensystems

  • lokale Auffälligkeiten wie Malokklusion (zB. suboptimaler Zahnkontakt), muskuläre Dysbalancen

  • schlechte Schlafqualität; Schlafmangel und Schlafstörungen

  • bestimmte Medikamente

  • Alkohol, Nikotin und Koffein

  • Funktionsstörungen im Haltungs- und Bewegungssystem

  • CMD

  • Abweichung vom physiologischen Atemmuster (Mundatmung)



DAS KIEFER ALS TEIL EINES GROßEN GANZEN:


WARUM SIND ALSO DIE INTERVENTIONEN DER PHYSIOTHERAPIE SO WICHTIG?


Mögliche Auswirkungen von Bruxismus:


  • Craniiomandibuläre Dysfunktionen (zB. Arthrosen, Diskusverlagerungen etc)

  • (Dauer)Spannung in der Kausmuskulatur

  • Verschlechterung der Zahngesundheit

  • Kopfschmwerzen

  • Nackenschmerzen

  • gesteigerte Funktion des Nervensystems

  • generelle körperliche Anspannung

  • Auswirkung auf andere Körperteile

  • Schlafprobleme

  • mangelnde Regeneration


Aus einer ganzheitlichen physiotherapeutischen Perspektive lohnt sich deshalb die Frage, wie gut ein Mensch Anspannung wahrnimmt, reguliert und wieder lösen kann, weil psychosoziale Faktoren als der größte Hauptauslöser für Bruxismus gelten.

STRESSMANAGEMENT: Individuelle Achtsamkeits- und Wahrnehmungsschulung sowie für den Alltag ist eine der wichtigsten Maßnahmen in der Physiotherapie. Physische Ebene: "Eigentlich halte ich meinen Kiefer gerade fest" - "Uh, meine Wangenmuskulatur fühlt sich total verspannt an." - "Da ist wieder dieser unangenehme Druck am Kiefergelenk!" Erst wenn wir achtsamer werden und unserem Körper zuhören, können wir seine Signale bemerken und verändern.

Psychisch-emotionale Ebene/ psychosoziales Umfeld: als Lebens- und Sozialberaterin (i.A.u.S.) bin ich mit dem Erarbeiten gemeinsamer Strategien für den Alltag in Bezugnahme auf das soziale Umfeld (persönlich, privat, beruflich) gut betraut - es ist unerlässlich, damit der Körper raus aus dem Stressmodus kommt und das Kausystem die Arbeit nicht mehr unbewusst übernehmen muss.

Erklärungsmodelle: Neurophysiologische Mechanismen hinter Bruxismus verstehen lernen, um Symptome besser einzuordnen und die eigene Gesundheit wieder selbst in die Hände zu nehmen. Parallel mit der individuellen Verhaltensschulung gehen manualtherapeutsche Techniken zur Unterstützung der betroffenen Strukturen (Muskel- und Faszientechniken, Mobilisation, Haltungsschulung, entsprechende Hausaufgaben uvm.); Entspannungs - und Atemtechniken, Schmerzmanagement; Arbeitsergonomie; Verbesserung der Schlaf- und Regenerationsphasen; sportliche Ausgleichsmöglichkeiten.


Sowohl eine optionale Schienenversorgung zum Schutz der Zähne als auch eine psychologische Betreuung stellen weitere Behandlungsschwerpunkte dar.


Je früher Maßnahmen gesetzt werden, desto weniger prägt sich dieses unbewusste Verhaltensmuster ein, desto weniger Folgeerscheinungen sind zu erwarten. Verhaltensmuster brauchen Zeit, um "verlernt" bzw durch andere, adäquatere Strategien ersetzt zu werden und benötigen Routine und Konsequenz und ziehen vielleicht auch die eine oder andere Lebens- und Persönlichkeitsveränderung nach sich.


Ich persönlich finde, es ist eine Riesenchance, sich selbst und die eigenen Verhaltensmuster gut kennenzulernen und den Umgang mit anderen als Möglichkeit des Wachstums zu erleben. Gerade die Diagnose Bruxismus zeigt auf, wie sehr Körper - Seele und Verstand in Verbindung stehen und daher therapeutisch berücksichtigt werden sollten.











 
 
 

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