Narben - eine Geschichte, die "unter die Haut geht"!
- 27. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Fast jeder von uns hat eine - oder sogar mehrere. Kleine, große - alte, aktuelle. Auffällig, unauffällig: eine Narbe. Die meisten von uns erinnern sich an die Entstehung, jedoch vergessen wir oft die Tatsache, dass Narbenbildung ein komplexer vielschichtiger Heilungsvorgang ist und nicht nur eine oberflächliche Geschichte, sondern sie geht auch "unter die Haut".

Wie sieht ein adäquater Umgang mit Narben aus? Sollte man diese therapeutisch unter Beobachtung halten und können sie auch Beschwerden verursachen? Generell werden Narben kaum bis garnicht beachtet - und in meinen Augen die entstehenden Funktionseinschränkungen massiv unterschätzt.
Narbenbehandlung in der Physiotherapie, wie ich sie einbringe, setzt auf verschiedenen Ebenen an und ist immer strukturell und energetisch.
Strukturell: Check Auswirkungen im neuromyofaszialen System (Nervensystem, Muskulatur und Bindegewebe, etc.).
Energetisch: Check Meridiansystem und der zuständigen Funktionskreise
"Scar tissue is our body's way of mending trauma to the tissue, either to the skin or internally. Adhesions often form and stick structures together that should not be stuck together, leaving our mobility and functionality compromised. But, what if...we could "erase" the scarring, and integrate the tissue back into the fascial web?" // SHARON WHEELER
Sharon Wheeler, eine Studentin von IDA ROLF (Gründerin der Rolfing Methode; www.rolfing.org) widmet sich Ihr ganzes Leben lang schon genau dieser Reintegration von Narben in das 3 dimensionale Fasziennetz. Alles ist mit allem verbunden: Narben jedoch auf eine sehr unfunktionelle Weise mit dem umliegenden Bindegewebe auf Grund der veränderten Kollagenmatrix. "Healing, not hurting" - klassische Narbenmobilisationen brechen in Narkose mit (entsprechender) Kraft diese Gewebe auf und hinterlassen - eine neue Narbe. Sharons Methode ist sanft, leicht, kaum spürbar und doch verändert genau diese Art der Berührung die Ausrichtung und Rigidität des Narbengewebes, regt die Neuproduktion von Kollagen an, verbessert den Lymphfluss und die Durchblutung, aktiviert den ventralen Ast des Nervus Vagus und unterstützt die physiologische Eingliederung entsprechend der myofaszialen Belastungsachsen.
Bewegungen werden wieder weicher, runder, physiologischer - die positive Schmerzmodulation ist immens.
In meinen anderen Beiträgen habe ich bereits über das Tensegrity Modell und auch das 3 dimensionale Fasziennetz geschrieben - ein Wunderwerk des Körpers (Faszienyoga - reshaping from the inside out oder Embodiment - Dein Körper ist ein Meisterwerk) - ich durfte mit dieser Methode am eigenen Körper erleben, wie weitreichend die positiven Auswirkung nach der Narbenbehandlung waren und immer noch sind.
Meine persönliche Geschichte: Ende 2023 musste ich mich einer 4,5 stündigen Operation unterziehen. Es wurde nach der Da Vinci Methode vorgegangen, mit 5 separaten Zugängen am Ober - und Unterbauch (um die Instrumente einführen zu können), zusätzlich habe ich auch eine Kaiserschnittnarbe. Die Folgen: massive Verdauungsprobleme, massive Probleme mit meinem Hüftbeuger auf der rechten Seite, fehlende Rumpfstabilität (Kraftverlust aller Bauchmuskelschichten: Rectus abd., schräge Ketten und va. im tiefen Transversus, dem wichtigsten Muskel für Rumpfstabilität und somit Hüter des unteren Rückens); Beckenboden hyperaktiv, Schmerzen bei längerem Sitzen (nach einem langen Tag in der Praxis) und Nervenschmerzen in der rechten Leiste bis zum Schambereich, Oberschenkel und Beckenkamm derselben Seite... natürlich habe ich selber Physiotherapie in Anspruch genommen und ja, es wurde auch etwas besser, aber nie wirklich gut und langanhaltend. Es zermürbte mich und senkte meine Lebensqualität immens.
Im September 2025 habe ich den Basiskurs SCAR WORK mit Jan Trewartha in London absolviert und nach dem Aufbaukurs in Prag mit Sharon persönlich im November, haben sie alle Symptome deutlich verbessert und ich hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass mein Körper - mein Bauch sich "ganz", verbunden anfühlt.
Wir haben uns alle meine Narben angesehen - eigentlich hatte ich nur wenige...aber erstaunlich war auch, dass meine allererste Narben (36 Jahre alt und 1 cm lang) extrem auffällig war und immens unter Spannung stand. Und ich durfte erleben, was es heißt, wenn der Körper ein altes Trauma endlich integrieren kann - es kam zum sogenannten fascial unwinding Effekt:
“Generally, unwinding is explained in bodywork literature as being based on the simple principle of the body’s ability for self-correction from mechanical disturbances. That is, unwinding occurs because tissues hold memories of trauma and the unwinding process allows the body to adjust to a new position of ese."
Traumata werden im Bindegewebe "gespeichert" - ich habe in meinem Blog Faszien und Nervensystem bereits erwähnt, dass zwischen beiden ein physiologischer - funktioneller Zusammenhang besteht. Wisschenschaftlich betrachtet finden wir folgende Fakten:
Faszien sind hochinnerviert und eng mit dem autonomen Nervensystem verbunden.
Studien zur myofaszialen Innervation (z. B. Schleip et al.) zeigen Folgendes. Unsere Faszien besitzen eine
hohe Dichte an Schmerzrezeptoren (C- Fasern, freie Nervenendigungen)
hohe Dichte an Mechanorezeptoren (ca 200 Millionen - mehr als unsere Haut besitzt)
es ist ein Gesamtsystem (auf Grund der embryologsichen Entwicklung)
via Aktivierung des Sympathikus Anteils des Nervensystems (= Stressreaktion) kommt es zur Beeinflussung des myofaszialen Systems
Diese Situation, falls nicht betreut, führt zur Chronifizierung und kann daher:
die Grundspannung im myofaszialen System erhöhen
die Gleitfähigkeit reduzieren
Schmerzschwellen verändern
lokale Durchblutung beeinflussen
lokale Nerven unter Druck setzen
Schmerzen verursachen
normale physiologische Funktionen in Bezug auf Haltung, Bewegung und auch auf Organebene negativ beeinflussen.
Trauma verändert (= speichert) sukzessive also unser Körpergewebe und dann wirkt nicht mehr nur die Gewebeanpassung, sondern auch die veränderte Regulation = Arbeit unseres Nervensystems Ein Teufelskreis.
State of the art für mich wäre, wenn postoperativ oder nach Verletzungen mit Narbenbildung ein obligatorisches Screening/Überprüfen dieses Gewebes stattfinden würde, um diese Anpassunsgprozesse unsere Körpers und Nervensystems zu vermeiden, so gering wie möglich zu halten oder eine bestmöglich physiologische Situation wiederherzustellen, um ein beschwerdefreies Leben mit hoher Lebensqualität zu erhalten!
Ich durfte in diesem knappen 3/4 Jahr nun Menschen mit Kaiserschnittnarben, Op Narben (Hypophysenadenom, Kleinhirntumor, Verkehrsunfall Narbe Unterschenkel, Lumbalpunktionen, Narben nach Bestrahlung; Brustverkleinerung, Tumorentnahme Brust, Eingriffe am Kiefergelenk uvm.) betreuen. Nach Freigabe durch den Operateur darf jederzeit mit der Behandlung angefangen werden.
Die Zusatzausbildungen Narbenentstörung nach Penzel und auch die Ausbildung zur Myofaszialrelease Therapeutin waren meine ersten rückblickend und ich bin wirlklich dankbar, meine Betreuung mit Hilfe von Sharon´s Arbeit massiv ausweiten zu können!




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